
239 Filme, 329.502 verkaufte Kinokarten, 17.297 Gäste aus der Filmbranche aus 157 Ländern, 2.671 akkreditierte Journalisten aus 81 Ländern - so lassen sich die 74. Berlinale Filmfestspiele 2024 in Zahlen darstellen.
Es bleibt die Frage, wie die 74. Berlinale in künstlerischer, emotionaler und sozialer Hinsicht war. Sie war so vielfältig, dass es schwierig ist, einen roten Faden zu finden, der einerseits die große thematische Breite zeigt, andererseits aber auch ein Gefühl der Charakterlosigkeit dieses neben Venedig und Cannes wichtigsten europäischen Filmfestivals hinterlässt.
Es ist gut, dass die Berlinale auch 2024 eine kulturell und gesellschaftlich engagierte Veranstaltung ist. Claudia Roth - Bundesministerin für Kultur und Medien - begann ihre Begrüßung der Gäste mit den Worten des Malers Paul Klee - „Die Kunst gib nicht das Sichbare wieder, sondern Kunst macht sichbar“. Mariette Rissenbeek - scheidende Intendantin der Berlinale betonte bei der Eröffnungsgala: „Als Festival möchten wir die Fähigkeit der Gesellschaft stärken, über Konflikte zu sprechen“. Beide Botschaften zeigen, wie notwendig ein Filmfestival in einem Europa, das auf verschiedenen Seiten von andauernden Kriegen umgeben ist, als Ort der Sensibilisierung und der offenen Diskussion sein kann.
Wenn man die im 2024 ausgezeichneten Filme zusammenfasst, kann man die bereits erwähnte personelle und formale Vielfalt erkennen. Der Goldene Bär ging an den Dokumentarfilm „Dahomey“ von Mati Diop, der die Geschichte der Rückgabe von Kunstwerken erzählt, die von französischen Kolonialtruppen im 19. Jahrhundert aus dem Königreich Dahomey geraubt wurden. Die Entscheidung wurde wahrscheinlich zu einem gewissen Grad wegen der Vorsitzenden der Hauptjury des Wettbewerbs, der kenianischen Schauspielerin Lupita Nyong'o, getroffen, was eine natürliche Folge kultureller Prioritäten ist. Sebastian Stan wurde als bester Hauptdarsteller für Aaron Schimbergs "A Different Man" ausgezeichnet, in dem er einen Schauspieler spielt, der sich einer nicht ganz so erfolgreichen Schönheitsoperation unterzieht. Der Silberne Bär für die beste Nebendarstellerin ging an Emily Watson, die eine Nonne in Tim Mielants' Thriller "Small Things Like These" spielte.
Das beste Drehbuch war „Streben“ von Matthias Glasner, eine dreistündige Geschichte über eine Mehrgenerationenfamilie in der Krise. Der Preis für die herausragende künstlerische Leistung ging an den Kameramann Martin Gschlacht für den Horrorfilm „Des Teufels Bad“ des österreichischen Regiepaares Veronika Franz und Severin Fiala. Nelson Carlos de los Santos Arias erhielt den Lorbeer für die beste Regie für seine Geschichte über ein Nilpferd namens „Pepe“. Der Preis der Jury - der Silberne Bär - ging an den französischen Science-Fiction-Film über die Sinnlosigkeit des Krieges „The Empire“ von Bruno Dumont.
Der Große Preis der Jury - der Silberne Bär - ging dagegen an den Film von Regisseur Hong Sang-soo, „A Traveler's Needs“. Die weibliche Hauptrolle spielt Isabelle Huppert, die teilweise sich selbst spielt - eine reife Französin, die aus unerfindlichen Gründen die meiste Zeit in einem Park in Korea verbringt. Sie unterhält sich mit Menschen oder stellt ihnen, vielleicht etwas oberflächlich, Fragen über den Sinn des Lebens. Dabei wirkt sie selbst erfüllt, obwohl sie sich unter Fremden in einer ihr völlig fremden Kultur befindet. Wir lernen einen Ausschnitt aus dem Leben der Protagonistin kennen, von der wir nur wissen, dass sie gerne dichtet und Flöte spielt. Wie Isabelle Huppert selbst auf der Pressekonferenz zugab, ist dieser Film eine Art reine Filmpoesie.
Den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk erhielt der amerikanische Regisseur Martin Scorsese, der die Filme von Andrzej Wajda seit jeher schätzt und sich von ihnen für seine eigenen Werke inspirieren ließ.
Der einzige polnische Film, der auf der 74. Berlinale gezeigt wurde, war Treasure unter der Regie von Julia von Heinz. Zbigniew Zamachowski spielte die tragende Rolle neben Lena Dunham und Stephen Fry. Die Musikjournalistin Ruth und ihr Vater Edek leben dauerhaft in New York. Die junge Frau ist sich der Familiengeschichte nicht bewusst und weiß nicht, dass ihr Vater ein Überlebender des Holocaust ist. Nach dem Krieg hat Edeks Vater das Land, aus dem er stammt, nie besucht. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs beschließt er, nach Polen zu reisen, aber seine Tochter weigert sich, ihn allein gehen zu lassen. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise durch Warschau, Łódź, Krakau bis hin nach Auschwitz. Ihr geistiger Führer und Taxifahrer ist Zbigniew Zamachowski. Während der Pressekonferenz sagte Zamachowski, dass die Arbeit an "Treasure" auch eine persönliche Erfahrung für ihn war, da "wir mehrere Szenen in der Nähe des Konzentrationslagers gedreht haben, in dem mein Großvater inhaftiert war. Dank dieses Films habe ich Menschen getroffen, die es mir ermöglichten, etwas über das Schicksal meiner Familie zu erfahren, denn ich komme aus einer kleinen Stadt, die vor dem Krieg ein 'Stettl' war.“
Im Februar 2024 war bereits bekannt, dass es einen Wechsel in der Leitung der Berlinale geben würde, und die Vorfreude auf die bevorstehende Gala zum 75-jährigen Jubiläum war deutlich spürbar. Auf Beschluss des Aufsichtsrats der Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH (KBB) wurde Tricia Tuttle, eine Amerikanerin mit 25 Jahren Erfahrung in der Filmbranche, zur neuen Intendantin der Internationalen Filmfestspiele Berlinale ernannt. Sie ist Absolventin des British Film Institute (BFI) und der Birkbeck University of London und hat einen Bachelor of Arts in Literatur und Radio, Television and Film der University of North Carolina AT Chapel Hill. Sie arbeitete zunächst als Filmjournalistin und Filmprogrammgestalterin für das BFI. Danach war sie mehrere Jahre lang Direktorin des BFI London Film Festival, dem sie ein neues Gesicht gab. Tuttle überzeugte das Wettbewerbskomitee mit einer konkreten neuen künstlerischen Vision für die kommende Berlinale. Zu spüren und zu sehen sein wird sie nun vom 13. bis 23. Februar 2025.
Bisher wissen wir, dass der Eröffnungsfilm der 75. Berlinale Tom Tykwers neueste Produktion "Das Licht" sein wird. Das Drama erzählt die Geschichte der zeitgenössischen deutschen Familie Engels. Vieles beginnt sich für sie zu ändern, als sie ein neues Hausmädchen, Farrah, einstellen, das aus Syrien stammt. Zu den Darstellern des Films gehören Lars Eidinger, Nicolette Krebitz und Tala Al-Deen. Hier sollte man sich daran erinnern, dass Tom Tykwer 1998 seinen ersten großen Film, „Lauf, Lola, lauf“, mit drei Versionen des Endes drehte, ebenso wie Krzysztof Kieślowskis „Przypadek“. Im Jahr 2002 drehte er „Heaven“ nach einem Drehbuch von Krzysztof Kieślowski und Krzysztof Piesiewicz, der Teil eines geplanten Triptychons neben „Inferno“ (verfilmt von Denis Tanović) und „Purgatory“ ist.
Die ersten Informationen über die 75. Ausgabe der Gala sind bereits auf der Website der Berlinale zu finden, das vollständige Programm wird jedoch erst am 4. Februar 2025 bekannt gegeben. Den Vorsitz der Jury hat in diesem Jahr der amerikanische Regisseur, Autor und Produzent Todd Haynes. Der Goldene Bär für das Lebenswerk wird an Tilda Swinton verliehen. Die Schauspielerin bezeichnet sich selbst als das „Baby der Berlinale“, da sie in 26 Filmen mitgewirkt hat, die bei früheren Ausgaben des größten deutschen Filmfestivals gezeigt wurden, und 2009 den Vorsitz der Jury innehatte.
Wird Tricia Tuttle die Berlinale in die weite Welt hinausführen? Bringt sie den Zauber des Festivals und den Glamour ehemaliger Filmstars zurück, die sich auf dem roten Teppich am Marlene-Dietrich-Platz präsentieren, dessen Name sie zu höchsten filmischen Ehren verpflichtet? Wir werden es bald herausfinden. In der Zwischenzeit hoffe ich, dass, so wie die deutsche Schauspielerin Pheline Roggan bei der Eröffnungsfeier der 74. Berlinale im Februar 2024 mit einer glitzernden Silberkette mit der Aufschrift „FCK AFD“ auftrat, die Mehrheit der Deutschen am letzten Tag der Berlinale - dem 23. Februar 2025 - bei der Bundestagswahl echte Demokratie wählen wird.
Text und Bild von Agata Lewandowski

