Das Filmfestival Berlinale – eine neue Austauschplattform?

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Das Filmfestival Berlinale – eine neue Austauschplattform?

Die 76. Berlinale rückt großen Schrittes näher. Am 12. Februar 2026 beginnt sie als eines der größten Filmfestivals der Welt, das 2025 über 300.000 Zuschauer anlockte. Wie wird sie 2026 wohl aussehen, angesichts der politischen Wendungen, die uns Tag für Tag überraschen? Die vorherige 75. Berlinale konzentrierte sich auf die Thematik Geflüchteter, vor allem im positiven Sinne dieses neuen gesellschaftlichen Phänomens.

Der Eröffnungsfilm der 75. Berlinale war „Licht” von Tom Tykwer, der als bekannter deutscher Regisseur damit sein großes Comeback auf die Leinwand feierte. „Licht” ist die Geschichte einer großstädtischen Familie deutscher Intellektueller, die sich untereinander und in sich selbst verloren hat. Dank einer zufällig eingestellten Haushaltshilfe, einer syrischen Ärztin, finden sowohl die Eltern als auch die beiden heranwachsenden Kinder wieder zu geistlichen Werten und damit auch zueinander zurück. Bereits in den ersten 10 Minuten der 75. Berlinale waren rein polnischsprachige Dialoge zu hören. Zwar in einer dramatischen und etwas stereotypen Situation, doch bei „Licht” handelt es sich gerade um einen Film, der Stereotypen bricht und versucht, ein Spiegel der deutschen Gesellschaft zu sein. Die ersten Worte der 75. Berlinale auf Polnisch sprach eine polnische Haushälterin, die seit vielen Jahren von Deutschen beschäftigt wird, die mit ihrer Arbeit und der Rettung der Außenwelt übermäßig beschäftigt sind.

Ein weiterer Schwerpunkt der letzten Berlinale zum Thema Migration lag auf der deutlich sichtbaren Präsenz multikultureller Künstler, die in Deutschland leben. Einer von ihnen ist Burhan Qurbani – ein deutscher Regisseur afghanischer Herkunft, dessen neuester Film „Kein Tier. So wild” auf der 75. Berlinale Premiere feierte. Der Film ist eine Adaption von Shakespeares Drama „Richard III.”, das in die Gegenwart versetzt wurde, und handelt vom Krieg zweier albanischer Banden des kriminellen Untergrunds von Berlin. Ein weiterer interessanter Künstler mit Migrationshintergrund war Ameer Takher Eldin – ein deutscher Regisseur, der in Kiew geboren und in den Golanhöhen aufgewachsen ist. In seinem Film „Yunan” thematisiert er das bisher wenig bekannte Problem von Emigranten im Ruhestand, die allein und fern von ihrer in der ersten Heimat gebliebenen Familie alt werden. Ein solcher Protagonist ist der tief depressive syrische Schriftsteller, welcher beschließt, Selbstmord zu begehen. Zu diesem Zweck begibt er sich in eine der menschenleersten Gegenden Deutschlands, die sogenannten Halligen – Inseln in der Nordsee, die aufgrund der Gezeiten regelmäßig unzugänglich sind. Glücklicherweise trifft er dort eine exzentrische Pensionsbesitzerin, die ihm hilft, einen Sinn im Leben zu finden. Dieser Sinn des Lebens scheint die Akzeptanz und das Gefühl der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu sein, auch wenn es sich um eine seltsame Gemeinschaft aus wenigen, entfremdeten Bewohnern der Überschwemmungsgebiete handelt. Interessanterweise entschied sich die über 80-jährige Diva des deutschen Kinos, Hanna Schygulla, die immer ihre schlesische Herkunft betont, dazu, die Rolle der Pensionsbesitzerin zu spielen. Erwähnenswert ist auch der stark polnische Akzent der 75. Berlinale durch „Briefe aus der Wilcza” – ein Film des in Indien geborenen Absolventen der Filmhochschule Łódź, Arjun Talwar, der Polen und die Polen durch die Brille eines Ausländers zeigt. Zugegebenermaßen habe ich viele Jahre auf einen solchen Film gewartet, und es ist es wert, dass die Polen ihn sehen und sich selbst ihr symbolisches Spiegelbild vor Augen halten.

Auf jeder Berlinale, welche ich seit vielen Jahren besuche, halte ich nach einem Film Ausschau, der für mich eine sogenannte Offenbarung darstellt, das heißt mich emotional in seinen Bann reißt. Ich freue mich, dass 2025 ein solcher Film der mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete „Holding Liat” des Regisseurs Brandon Kramer war, welcher mit seiner Kamera die Familie von Liat Beinin Atzili begleitet, nachdem sie und ihr Mann im Oktober 2023 von der Hamas entführt worden waren. Er zeigt ihren emotionalen und politischen Kampf um die Freilassung von Tochter und Schwiegersohn. „Holding Liat” betont vor allem die Komplexität des israelisch-palästinensischen Konflikts aus der Perspektive einer Familie, die trotz ihres persönlichen Leids die Schuld auf beiden Seiten sieht. Normalerweise huscht das Publikum auf der Berlinale, sobald der Abspann erscheint, schnell und unbemerkt zum Ausgang. Diesmal blieben alle vollkommen still auf ihren Plätzen sitzen, bis die lange Liste der Mitwirkenden zu Ende war. Wahrscheinlich waren sie ebenso wie ich überrascht, dass es in unserer Zeit möglich ist, einen unvoreingenommenen Friedensdokumentarfilm zu drehen, der in Schulen als „Pflichtlektüre” gegen den Krieg dienen könnte. Auch dieser außergewöhnliche Film zeigte seine polnische Note, als die Lehrerin einer Gruppe israelischer Schüler im Museum der Geschichte der polnischen Juden POLIN in Warschau erklärt, wie einst das Ghetto entstanden war. Sie erläutert, wie die Mauern, die die Menschen trennten, begannen, sie gegenseitig zu zerstören, doch tatsächlich zerstörten diejenigen die einfachen Menschen unten, die diese Mauern oben errichtet hatten, und das auf beiden Seiten.

Welcher Film wird wohl 2026 die „Offenbarung” der 76. Berlinale sein? Im Jahr 2025 hat die neue Direktorin der Berlinale, Tricia Tuttle, eine neue Wettbewerbskategorie namens „Perspectives” ins Leben gerufen – für Spielfilmdebüts. Wird die Berlinale, wie Tricia Tuttle es sich wünscht, zu einer neuen Austauschplattform? Womit wird uns Tricia Tuttle im Februar 2026 überraschen? Sehr interessant und vielversprechend sieht die neue Jury der 76. Berlinale unter dem Vorsitz von Wim Wenders aus – dem deutschen Kultregisseur, der seit über fünfzig Jahren Filme dreht. Wer wird diesmal der Star sein, auf den die junge Generation gespannt wartet, so wie es 2025 Timothée Chalamet war, der die Rolle von Bob Dylan in dem Film „Like a Complete Unknown” spielte?  

Im Januar 2026 wird das offizielle Programm der 76. Berlinale bekannt gegeben. In der Zwischenzeit können wir in der ARD Mediatek einen interessanten Bericht über das heutige Polen ansehen: „Polen an der Grenze” von Marcin Wierzchowski, einem polnischen Regisseur aus Frankfurt am Main. https://www.ardmediathek.de/video/dokus-und-reportagen/polen-an-der-grenze/hr/ZWJhOTFiNGEtZmRhNi00YzAxLTljMWUtNzYzMmE3OWYwN2Ux.

Text und Fotografie: Agata Lewandowski

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