
Mein Name ist Maja Marcinow. Ich besuche die 12. Klasse der Deutsch-Polnisch-Europäischen Robert-Jungk-Oberschule in Berlin. Ich werde einen Text vorstellen, der den Einfluss der Geschlechtsidentität auf den Lebensweg untersucht. Der Text behandelt dieses sensible Thema in Form eines Moralstücks und bezieht sich dabei auf den Film „Geschlechterumwandlung. Reassignment. Ich dachte, ich bin die einzige in der Welt.“. Das Moralstück, als alte literarische Gattung, hilft mir, das Problem nicht-heteronormativer Menschen aus einer etwas anderen Perspektive zu betrachten. Und vielleicht ermöglicht es mir dadurch, ihnen mehr Empathie entgegenzubringen. Hier ist mein Text:
Szene 1
Natalia beschloss, an diesem Nachmittag ins Einkaufszentrum zu gehen. Nach zwei Stunden verspürte sie Harndrang. Vor der Tür der Damentoilette stehend, war sie sich unsicher, ob sie hineingehen sollte. Sie schämte sich und fühlte sich verunsichert. Gleichzeitig hoffte sie, dass andere sie als richtige Frau wahrnehmen würden.
Scham: Oh Gott, ich muss jetzt sofort auf die Toilette! Was soll ich denn jetzt machen?
Unsicherheit: Ist das wirklich die richtige Entscheidung? Viele Leute halten mich für einen Mann, auch wenn ich nicht wie ein typischer Kerl aussehe. Sollte ich vielleicht einfach nach Hause gehen? Oder schaffe ich es nicht rechtzeitig...
Hoffnung: Leute! Ein bisschen Vertrauen! Vielleicht sehen mich die Leute ja als Frau? Außerdem sind es höchstens fünf Minuten. Mir wird schon nichts passieren.
Unsicherheit: Woher kommt denn dieser Optimismus? Vielleicht ist es da voller Frauen, und die starren mich wieder an. Es ist nicht sicher.
Scham: Ich stimme der Unsicherheit zu. Es wäre mir furchtbar peinlich, wenn mich jemand sehen würde. Auf keinen Fall gehe ich da rein.
Von diesem Moment an beschloss Natalia, öffentliche Toiletten zu meiden. Aufgrund der jüngsten unangenehmen Ereignisse schämte sie sich, hinzugehen. Gleichzeitig hoffte sie, dass die Menschen sie eines Tages als eine richtige Frau sehen würden.
Szene 2
Natalia verlässt das Haus für einen kurzen Spaziergang. Sie geht durch den Park in der Nähe ihres Hauses. Keine zehn Minuten später hört sie einen lauten Ausruf, der an sie gerichtet ist: „Schau mal! Was für eine hässliche Frau!“. Natalia empfindet Freude und Trauer zugleich. Sie hofft jedoch, dass sich die Dinge mit der Zeit bessern werden.
Traurigkeit: Schon wieder so ein Kommentar. Der dritte diese Woche. Was habe ich nur getan, um so behandelt zu werden?
Freude: Sieh es positiv! Endlich hat jemand die Frau in dir erkannt.
Hoffnung: Siehst du! Ich hab's dir doch gesagt, es wird besser! Du hast schon so viel durchgemacht, das hier ist nichts für dich.
Traurigkeit: Aber wann hört das endlich auf?! Es ist traurig, dass du nicht einfach ein normales Leben führen kannst wie alle anderen.
Freude: Natürlich ist es traurig, aber es zeigt auch, wie stark du bist. Es geht voran. Und im Moment ist das alles, was zählt.
Hoffnung: Denk dran, die Zeit arbeitet für dich, und mit der Zeit wird sich alles zum Guten wenden.
Szene 3
Es war der Tag der Untersuchungen. Natalia hatte vor Kurzem einen Termin im Krankenhaus gehabt. Sie wusste noch nicht, was sie erwartete. Während sie im Untersuchungszimmer wartete, beschlich sie ein Gefühl der Angst vor dem, was geschehen könnte. Inzwischen teilte ihr der Arzt mit, dass er sie nicht aufnehmen könne, da sie aufgrund der Vorschriften nicht auf die Frauenstation verlegt werden könne. Außerdem unterschied sie sich äußerlich deutlich von den Männern, weshalb auch die Männerstation für sie nicht infrage kam. In diesem Moment empfand Natalia Wut, ja sogar Hass auf all diese Vorschriften. Die Frauen im Zimmer versuchten, den Arzt zu überzeugen, Natalia bleiben zu lassen, aber vergeblich. Sie schöpfte wieder Hoffnung, war sogar ein wenig aufgeregt.
Wut: Ich kann es nicht fassen! Wie konnten sie mich nur abweisen?! Ich bin auch ein Mensch und brauche auch Hilfe.
Hass: Diese ganzen Vorschriften sind doch sinnlos. Was spricht dagegen, mich auf die Frauenstation zu verlegen? Die anderen Patientinnen haben doch zugestimmt. Habe ich es denn nicht verdient, gut behandelt zu werden?
Aufregung: So viele Menschen interessieren sich für mich. Das ist mir noch nie passiert.
Hoffnung: Das ist wirklich wunderbar. Nur noch ein bisschen, dann werden alle die Frau in mir sehen.
Wut: Wie lange muss ich denn noch warten? Ich habe so viele Jahre damit gelebt. Es ist nicht normal, jemanden so diskriminierend nach Hause zu schicken.
Hoffnung: Diesmal muss ich dir zustimmen.
Zum ersten Mal hat die Wut diesen inneren Kampf gewonnen.
Text und Foto: Maja Marcinow
Im Rahmen unserer redaktionellen Zusammenarbeit mit der Deutsch-Polnischen Europaschule in Berlin – Robert Jungk Oberschule veröffentlichen wir einen Artikel von Maja Marcinow, die ihr Umfeld für die Gefühle nicht heteronormativer Menschen sensibilisieren möchte. Dank solcher Artikel können wir nachempfinden, wie die junge Generation der in Deutschland geborenen Polen die heutige Welt sieht. Wir danken Frau Agnieszka Bernegg, seit 2008 Polnischlehrerin an der RJO, als erstmals Schüler in Deutschland das offizielle polnisch-deutsche Abitur ablegten, für ihr großes Engagement und ihre Hilfe bei der Gestaltung der „jungen Polonia Viva”.
Die Redaktion von Polonia Viva
Polnisch-Deutsche Europa-Schule in Berlin Robert-Jungk-Oberschule https://www.robert-jungk-oberschule.de/profil/sesb-europaschule/
