
Auf der vorherigen, 75. Berlinale im Februar 2025 fand die Premiere des außergewöhnlichen Films „Briefe aus der Wilcza” von Arjun Talwar statt. Interessanterweise sind neben dem polnischen UNI-SOLO Studio Friedemann Hottenbacher und Gregor Streiber von inselfilm produktion sowie ZDF, ARTE, die Filmförderung von Masowien und Warschau sowie das Masowische Kulturinstitut die Hauptkoproduzenten dieses Dokumentarfilms. Der Film wurde vom Polnischen Institut für Filmkunst (PISF) und der MOIN Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein unterstützt. Damit ist er beispielhaft für eine vorbildliche polnisch-deutsche Koproduktion, die es wert ist, nachgeahmt zu werden. Was ist die geheimnisvolle Wilcza? – Es ist eine der wenigen Straßen im Zentrum Warschaus, die trotz der starken Zerstörung der polnischen Hauptstadt ihre Bebauung aus der Vorkriegszeit überwiegend bewahrt hat. Die Wilcza ist eine interessante und abwechslungsreiche Straße. In ihr befinden sich das stilvolle Horowitz-Mietshaus aus den 1920er Jahren, das Luxushotel Nobu – eine von Robert de Niro gegründete und geförderte Kette – und direkt neben diesen eleganten Mietshäusern gelegen das „autonome Sozialzentrum”, mit anderen Worten das linksgerichtete Syrena-Squat mit dem anarchistischen Club-Café Cafe Kryzys. Außerdem leben in der Wilcza-Straße die sogenannten echten, alteingesessenen Warschauerinnen und Warschauer, die sich seit Jahrzehnten kennen.
An diesen Ort kam Arjun Talwar, der in Indien geboren wurde, in Neu-Delhi aufwuchs, wo er Mathematik studierte, und dann nach Polen zog, wo er sein Studium als Kameramann an der Filmhochschule in Łódź absolvierte und mehrere Kurzfilme drehte. Sein erster Langfilm war der Dokumentationsfilm „Der Esel hieß Geronimo“, welcher 2018 auf dem Festival DOK Leipzig Premiere feierte. Arjun Talwar war auch als Schauspieler in mehreren Filmen zu sehen, in „Melody Day”, „Das Süße Ende des Tages” und „Deportation”. In den vergangenen 15 Jahren beobachtete Talwar Polen aufmerksam aus der Perspektive eines Ausländers und schuf so ein intimes filmisches Tagebuch, das sich durch das Fenster seiner Wohnung in der Wilcza-Straße speiste. Aber nicht die Gebäude in der Wilcza-Straße sind die Protagonisten seines Films, sondern die Menschen, die dort leben, genau genommen die Beziehungen dieser Menschen zu Ausländern wie Arjun Talwar, über die der Filmemacher indirekt die Einstellung der Polen gegenüber ihren ausländischen Nachbarn zeigen will. „Mir gefiel, dass jeder Hof seinen eigenen Heiland hat”, sagt Arjun und meint damit die weit hinten in den Höfen der Wilcza-Straße verborgenen Vorkriegskapellen. Arjun freundet sich mit dem Postboten an, der alle in der Wilcza-Straße kennt. Die größte Offenheit und Herzlichkeit bringt ihm eine Roma-Familie entgegen. Talwar kämpft wie seine Kommilitoninnen und Kommilitonen aus verschiedenen anderen Ländern ständig mit einem Gefühl der Entfremdung, was manchmal zu Tragödien führt. Trotzdem ist er unserem Land gegenüber wohlgesonnen und kann uns Polen mit Humor begegnen.
In „Briefe aus der Wilcza” zeigt sich Polen mal traurig, mal lustig. Seit viele Vietnamesinnen und Vietnamesen nach Polen gekommen sind und zahlreiche Restaurants eröffnet haben, lässt sich scherzhaft sagen, dass „Polen süß-sauer ist”. Uns Polen erscheinen unsere nationalen Widersprüche normal. Wie sehen aber wohl Ausländer unser kompliziertes polnisches Inneres?
Ich habe viele Jahre auf einen Film wie „Briefe aus der Wilcza” gewartet, in der Zeit, als ich in Warschau das Filmfestival „Emigra” organisierte. Ich bewundere Arjun Talwar für seine Entscheidung in seinen Film einen eigenen Erzählerkommentar einzubringen, den er auf Polnisch aufgenommen hat, ohne Angst vor Kritik wegen möglicher Sprachfehler. Als Emigrantin denke ich, dass die Polen diesen Film ansehen und sich selbst im Spiegel betrachten sollten, denn angeblich „lieben wir Neuankömmlinge, wenn sie es verdienen”, wie einer der Protagonisten des Films sagt. Als gebürtige Warschauerin würde ich gerne in der Wilcza-Straße wohnen, denn für mich stellt sie die Quintessenz der polnischen Geschichte und der europäischen Gegenwart Warschaus dar. Ich würde mir wünschen in Warschau ausländische Nachbarn zu haben, so wie ich sie seit vielen Jahren in Berlin habe, in der Hoffnung, dass sie sich dank unserer guten nachbarschaftlichen Beziehungen in unserer Warschauer Straße auf natürliche Weise akzeptiert und angenommen fühlen würden.
Agata Lewandowski
